Schottland - Tag 1

 Auf ins Schlösschen

Dinnet House (bei Aboyne)

 

Pünktlich zur Mittagsstunde landet unser Flieger in der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Immer wieder spannend: Wo ist der Mietwagenschalter? Und noch spannender: Wo wird der Mietwagen übergeben? In Edinburgh hat man sich etwas Neues einfallen lassen: Alle Verleihfirmen sind in einem separaten Gebäude untergebracht, das man in 7-10 Minuten zu Fuß erreicht. Immerhin ist ein Teil des Weges überdacht. Vorteil: Ist man erst einmal dort, findet man seinen Mietwagen gleich nebenan auf dem Parkplatz - ein Sammeltransport zum Übergabepunkt entfällt.

Unser Reiseveranstalter bucht seine Mietwagen bei Avis - eine gute Wahl. Am Schalter des Verleihs ist mein Englisch wie meist gleich nach der Ankunft noch ein bisschen eingerostet - so verstehe ich nicht so ganz, was es mit der offenbar recht komplizierten Regelung hinsichtlich der Tankfüllung bei der Rückgabe auf sich haben sollte. Später erfuhr ich, dass die neueste Masche der Autoverleiher offenbar darin besteht, die Wagen vollgetankt zu übergeben und diese Tankfüllung erst einmal komplett in Rechnung zu stellen - natürlich zu einem überhöhten Preis. Wenn man den Wagen nicht vollgetankt zurückgibt, wird der Betrag fällig. Die Hoffnung dabei: Wer die vermeintliche Komfort-Option zieht, fährt garantiert nicht mit völlig leerem Tank auf den Hof und man verdient gleich doppelt.

Nach all den Opels und Fords der vergangenen Reisen gibt es diesmal ein Fahrzeug aus der Heimat: Uns wird ein silberner  VW Polo zugeteilt - neueste Version, nur 7.500 Meilen auf der Uhr. Lärmend springt das Wägelchen an - ein Diesel? Nö, es ist der Dreizylinder aus dem Konzern-Regal: 1,2 l Hubraum, 60 PS. Kein Rennwagen, aber - wie sich im Laufe der Zeit herausstellt - ein wahres Sparwunder.

TomTom angeklemmt, Ziel eingegeben - das Örtchen Dinnet bei Aboyne - und los geht’s. Das mit dem Linksfahren klappt schon nach kurzer Zeit erstaunlich gut - kein Vergleich zum schweißtreibenden Gekurve vor vier Jahren in Dublin. Mit Stadtverkehr werden wir allerdings auch nicht groß konfrontiert, denn es geht schnurstracks nach Norden. Erster kleiner Höhepunkt: Die Fahrt über die riesige Brücke über den Firth of Forth, bei der ich als beinharter Genesis-Fan natürlich gleich an deren Klassiker Firth of Fifth denken muss (natürlich ist der Titel des Genesis-Songs an den Namen des Meeresarms angelehnt). Das geht so weit, dass ich statt  Firth of Forth meist Firth of Fifth sage, woraufhin mich die Leute immer so komisch angucken.

Die Fahrt führt zunächst überwiegend über Autobahnen (Straßenbezeichnungen beginnen mit “M”; hier vor allem die M90) und sonstige Schnellstraßen (“A”). Gegen 15 Uhr stoppen wir an einer Raststätte. Hier bietet sich uns das aus vergleichbaren Lokationen im angelsächsischen Raum bekannte Bild: Einfache Leute essen unter Zurschaustellung merkwürdiger Tischmanieren Fettiges. Wir halten uns an Süßes: Muffins, Scones. Erwähnenswertes war nicht dabei.

Nach gefühlt stundenlanger Fahrerei auf öden Schnellstraßen mehr oder weniger parallel zur Küste geht es irgendwann auf der Höhe von Montrose auf Nebenstrecken Richtung Landesinneres. Eine Weile später - gegen 16 Uhr - zelebrieren wir dann unseren ersten Fotostopp auf dem Cairn O’Mount, einem 455 m hohen Hügel in der Einöde an der B974, benannt nach einem nahegelegenen prähistorischen Steinhaufen (cairn).

Aussichtspunkt auf dem Cairn O'Mount

Das letzte Teilstück verläuft entlang des River Dee, dessen Tal in dieser Gegend wegen der hohen Dichte an königlichen Ländereien - u.a. die zwischen Ballater und Braemar gelegene Sommerresidenz Balmoral - auch Royal Deeside genannt wird.

Gegen 17 Uhr stehen wir dann am Tor zu 1,2 km Zufahrt zum Dinnett House, unserer Unterkunft für die kommenden beiden Nächte.

Tor zur Zufahrt zum Dinnet House

Schließlich steigen wir dann vor dem schlossähnlichen Anwesen (Foto ganz oben) aus und staunen ‘ne Runde. Sieht schon beeindruckend aus. Ich öffne zaghaft eine riesige Holztür und stehe mitten in einem Museum. Schon begrüßt mich Hausherrin Sabrina, eine Dame in den hohen 60ern, die hier mit ihrem Mann, der mal bei der königlichen Palastwache gearbeitet hat, den Laden schmeißt. Ja, der Laden: Hier ist alles alt, alt, alt .... Und kalt ist es hier drinnen. Unser Zimmer im ersten Stock: Eine Riesenbude mit zwei hohen Einzelbetten, in denen eine butterweiche Matratze mit deutlicher Kuhle auf uns wartet. Heizkörper gibt es zwar, aber die sind alle kalt. Statt dessen stehen überall elektrische Heizhilfen herum. Im Bad erfreut das Auge statt einer Dusche nur eine Badewanne auf schmiedeeisernen Füßen (gefühltes Baujahr: 1889) und ein sinniges WC: Ein Holzkasten in Plumpsklo-Optik mit Keramik-Innenleben, darüber ein ebenso hölzerner Wasserkasten mit Kette zum Ziehen, an deren Ende ein Porzellan-Pömpel baumelt, auf dem für besonders Begriffsstutzige das Wort pull (ziehen) geschrieben steht. Wohnlich ist es im Bad aber auch: Teppich auf dem Boden, ein Kleiderschrank (voll mit alten Klamotten) und ein Sessel passen jetzt nicht unbedingt in eine neuzeitliche Vorstellung von einer Nasszelle.

Probeliegen: Man kommt sich vor wie aufgebahrt. Was ist denn das für ein Kabel, das unter den Matratzenbezug führt - eine Art Heizung?? Einschalten bringt jedenfalls nichts. Ist irgendwie auch eine merkwürdige Vorstellung, direkt auf irgendetwas zu liegen, zu dem ein 220 V-Kabel führt. Sagte ich das schon? ES IST KALT!!! Und das mitten im Juli...

Den - wie wir im Laufe der Zeit lernen - obligatorischen Begrüßungstee serviert uns Sabrina im Living Room im Erdgeschoss. Dort lodert ein einladendes Kaminfeuer - aber es wärmt irgendwie nicht. Das ausgekühlte Gemäuer saugt offenbar jedes bisschen Wärme sofort in sich auf. Wir versinken in den Polstern, schlürfen den Tee und sehen uns um: Das einzig Moderne hier ist ein Flachbild-TV. Daneben steht eine uralte Stereoanlage. Es gibt eine honesty bar (man kann sich bedienen und schreibt auf, was man getrunken hat; gezahlt wird bei Abreise) und Unmengen von Büchern, darunter viele über das Königshaus. Und Fotos: Auf einigen sind die Eigentümer mit Charles und Camilla zu sehen - man kennt sich offenbar.

Sabrina bietet uns an, uns einen Tisch im “ersten Restaurant von Dinnet” (The Victoria Restaurant) zu reservieren, was bestimmt nicht leicht sein werde, da ja heute Freitag sei. Kurze Zeit später die freudige Rückmeldung: Es hat geklappt. Sabrina ist sehr zufrieden mit sich - sonst lobt sie ja keiner. Als nächstes wird auch noch die Frühstücksbestellung aufgenommen: Aus einer Anwandlung heraus bestellen wir nothing cooked, nur Cerealien, Früchte und Joghurt. Ich meine, wir sind ja jetzt keine Vegetarier oder so... Sie fragte auch am nächsten Tag nicht wieder nach und so genossen wir gleich zweimal hintereinander ein “gesundes” Frühstück.

Obwohl der Tisch erst für viertel nach 7 bestellt ist, flüchten wir schon um kurz nach 6 aus dem Museum. Im Ortskern - keinen Kilometer links herunter - gibt es nichts Sehenswertes und so fahren wir hinaus zum Muir of Dinnet, einem kleinen Naturpark in einem Moorgebiet. Das Besucherzentrum ist natürlich schon geschlossen - wir nehmen einen Prospekt mit und tuckern zurück in den Ort. Die Straßen sind übrigens teilweise in fragwürdigem Zustand: Rollsplit ohne Ende (skid risk), man darf eigentlich nur 20 (Meilen) fahren, woran sich natürlich keiner hält - hoffentlich sieht die Karre nicht nachher aus, als hätte sie eine Ladung Schrot abbekommen...

Ein bisschen zu früh entern wir dann das Victoria, ein schnuckeliges kleines Restaurant mit Wintergarten, in dem wir auch platziert werden. Ich wähle die Tagessuppe (Erbsen/Linsen/Möhren püriert), Silke entscheidet sich für eine eigenwillige Interpretation von Bruschetta (mit Käse überbacken, leicht verbrannt). Als Hauptspeise bestelle ich einen fishcake aus geräuchertem und ungeräuchertem haddock (Schellfisch) mit Pommes, Silke versucht es mal wieder vegetarisch und wählt einen Süßkartoffelauflauf, den sie noch Tage später in den höchsten Tönen preist. Die Preise sind erstaunlich moderat: Der Großteil der Gerichte bewegt sich bei 10-13 Pfund.

Wir schaffen es tatsächlich, uns im gut gefüllten Lokal bis fast 22 Uhr aufzuhalten - keine Selbstverständlichkeit in einem reinen Restaurant auf dem Lande. Zurück am Dinnet House stehen dort noch drei weitere Autos. Im Wohnzimmer erkennen wir von außen außer Sabrina und ihrem Mann auch noch weitere Personen in offensichtlich geselliger Runde. Wir versuchen, uns vorbeizuschleichen, aber Sabrina hat uns schon gesehen und empfängt uns leicht angeheitert mit den Worten “You were clubbing!” und wackelt dazu mit den Hüften. Offenbar kann sie sich unsere späte Rückkehr nicht anders erklären....

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