schoenborner.de - Reisebericht Madeira 2005

Ein Tag in Funchal

Am nächsten Morgen wurde ich von einem lauten Ausruf meiner Frau geweckt: "Oh, ist das schön!" Dann kramte sie irgendwo herum und verschwand auf den Balkon. Ich rieb mir die Augen - was hatte sie nur? Ach so, die Sonne ging auf... Aber wie!

Sonnenaufgang in Santana

"Komm raus, das musst du dir ansehen!" rief Silke vom Balkon. Der Auslöser des Fotoapparates klickte hektisch. Noch halb schlafend taumelte ich in die kalte Morgenluft, um mir das Spektakel anzusehen. Ja, doch, das hatte was: wie sich die Sonne an einem nur schmalen Streifen blauen Himmels aus dem Meer erhob und alles in orange-rotes Licht tauchte... Von diesem Morgen an gehörte der prüfende Blick aus dem Fenster zum Standard-Repertoire.

Die harten Matratzen hatten uns beiden einen leicht schmerzenden Rücken beschert, den wir unter der heißen Dusche zu kurieren versuchten. Dann ging's zum ersten Mal zum von unserem Reisebüro vielgelobten Frühstücksbuffet. Fazit: nichts Weltbewegendes, aber auch nicht schlecht. Präsentiert wurde eine Mischung aus kontinentalem (Käse, Wurst, Marmelade, verschiedene Brotsorten) und englischem (Rührei, Speck, Würstchen) Frühstück mit regionalen Beigaben wie Avocados, diversen Früchten, Quark und Gebäck. Leider wurde auch der Kaffee in großen Kannen auf zu heißen Platten am Buffet vorgehalten - so schmeckte er total "verbrannt" und war ungenießbar. Ich sah noch nie so viele Deutsche zum Frühstück Tee trinken. Im Laufe unseres Urlaubs wurde das Frühstücksbüffet wegen nur minimaler Variation schnell langweilig. Darunter litt insbesondere Silke, die eh sich nur mit dem Rührei, der Marmelade und ein oder zwei Sorten Kuchen anfreunden konnte, die es aber leider nicht jeden Tag gab.

Als Programm für diesen Tag hatten wir "leichte Eingewöhnung" beschlossen. Da ich das Standardwerk unter den Wanderführern - Madeira von John und Pat Underwood aus dem englischen Sunflower Verlag - in Deutschland nicht bekommen konnte und uns eine gescheite Karte von der Insel auch noch fehlte, steuerten wir die Inselhauptstadt Funchal an. Den Großteil der Strecke waren wir ja bereits am Vortag gefahren, heute wählte ich jedoch direkt in Santana den Tunnel. Zu meinem Erstaunen waren wir schon nach wenigen Minuten an der Stelle, an der wir uns am Vortag gegen den Tunnel entschieden hatten und noch bestimmt eine halbe Stunde gefahren waren.

Nachdem wir - wieder auf der "Autobahn" - den Flughafen passierten, erwartete ich eigentlich, dass wir recht bald in Funchal ankamen. Aber da täuschte mich meine Erinnerung aus meinem 10 Jahre zurückliegenden Aufenthalt wohl (nicht zum letzten Mal), vom Flughafen waren es noch einmal 15 km bis zur Hauptstadt. Wir verließen die Autobahn an einer mit Centro gekennzeichneten Ausfahrt. Je näher wir dem Stadtzentrum kamen, desto dichter wurde der Verkehr. Schließlich folgten wir einem Parkplatz-Hinweisschild und landeten in einer nagelneuen, wenn auch engen Tiefgarage. Auch an Tiefgaragen in Funchal konnte ich mich nicht erinnern... da hatte sich wohl einiges getan hier.

Blick vom Park auf  den Kreisverkehr und die Avenida Arriaga in Funchal

Als erstes steuerten wir die Touristeninformation in der Avenida Arriaga an, wo wir von einer etwas mürrischen älteren Dame den gesuchten Wanderführer und eine wetterfeste, sehr genaue Karte der Insel erwarben. Anschließend lenkten wir unsere Schritte in Richtung des großen Parks oberhalb des Hafens, wo wir uns erst einmal hinsetzten, die Leute und die Lurche beobachteten und unsere Gesichter in die Sonne hielten - der Urlaub hatte begonnen!

Blumenpracht im Park

Nachdem unsere Gesichter schon leicht zu brennen anfingen, taten wir uns noch ein wenig in dem wirklich sehr schönen Park um. Danach setzten wir dann unsere Stadterkundung fort, wobei ich versuchte, einige mir vom letzten Aufenthalt noch bekannte Punkte anzusteuern. Dazu gehörte ein weiterer kleiner Park mit vielen bunten Holzbuden, die gerade frisch gestrichen wurden (und in denen später Bücher verkauft wurden). Lustig war auch, dass in dem kleinen Ententeich in der vorderen linken Ecke des Parks gerade das Wasser abgelassen worden war, um den Boden gründlich zu reinigen: die Enten und Schwäne patschten irgendwie ungläubig und desorientiert über den nassen Boden und fanden doch das Wasser nicht.

Bunte Bücherbuden in einem Park in Funchal

Wir durchstreiften hier eine kleine Einkaufspassage, steckten unsere Nasen dort in eine große Madeira-Weinstube mit Probiermöglichkeit (doch dazu war es noch zu früh am Tag) oder in eine etwas ramponierte Kirche. Die Kathedrale , war - wie auch damals schon immer - geschlossen. Schließllich landeten wir in der großen Markthalle von Funchal, dem Mercado dos Lavradores.

In dieser Markthalle findet man täglich das Angebot der professionellen Händler, Freitags kommen zusätzlich die Bauern von der ganzen Insel dazu. Das Angebot wird von Obst, Gemüse und Blumen dominiert, vereinzelt werden auch Korbwaren feilgeboten. Oben ist ein kleinerer Bereich mit verschiedenen Läden, die u.a. Wein anbieten. Im hinteren Teil befindet sich schließlich eine Fischhalle, in der man den vor Madeira gefangenen Fisch - vor allem den Degenfisch (Espada) und Thunfisch - kaufen kann. Im Grunde also eine schöne Möglichkeit, sich alles, was auf der Insel wächst und gedeiht, anzuschauen und auch zu kaufen.

Markthalle Funchal

Leider ließen wir uns von einem findigen Obsthändler ein wenig abzocken - das erste von zwei "Touri-Nepp"-Erlebnissen in diesem Urlaub. Kaum, dass wir uns für das umfangreiche Angebot zu interessieren begannen, hielt man uns Kostproben verschiedener exotische Früchte - vornehmlich Passionsfrüchte (Maracujas) - unter die Nase. Als wir zugriffen, kam der Nachschub in rascher Folge. Einiges schmeckte etwas gewöhnungsbedürftig, anderes hingegen sehr gut. Da wir sowieso ein paar Bananen und eine Anona (auch als Cherimoya oder Rahmapfel bekannt) kaufen wollten, entschieden wir uns, dies bei diesem Händler zu tun. Wir wählten dann fünf oder sechs der letzten Sorte wohlschmeckender (wie wir glaubten), etwa walnussgroßer Passionsfrüchte. Auf meine Frage, wann wir denn die Anona zu essen gedächten (Antwort: "Morgen.") suchte man uns ein schon etwas unansehliches (aber angeblich passend reifes) Exemplar heraus, das auch noch ziemlich groß war. Für die paar Passionsfrüchte, die überreife Riesenanona und sechs Bananen bezahlten wir dann über 11 Euro - ein wirklich stolzer Preis, auch wenn der Kilopreis für Passionsfrüchte auf Madeira durchaus bei 20 Euro liegt. Um die weitere Geschichte unserer reichen Obstausbeute an dieser Stelle vorwegzunehmen: die Bananen schmeckten prima, die Anona schnitt ich, da sie zum Herumschleppen zu schwer und zu empfindlich war, nach zwei Tagen im Hotel an - da fing sie von außen an einigen Stellen schon leicht an zu schimmeln und auch das Innere war nicht genießbar. Ich warf sie also komplett weg. Die Passionsfrüchte hingegen schmeckten - anders als die Probeexemplare auf dem Markt - eher unreif/sauer. Ich verzehrte die meisten im Laufe der Tage mit "Schweppes-Gesicht", ein oder zwei entsorgte ich aber auch irgendwann. Acht bis zehn leckere Bananen kosteten übrigens etwa 1 Euro...

Häuser in Funchal

Danach steuerten wir noch einen riesigen Supermarkt an, in dem wir uns mit Getränken versorgten. Hier kaufte ich auch eine Flasche guten Madeira-Weins aus dem Hause Blandy (Rebsorte Bual - halbsüß) und zwei kleine Pinnchen, damit wir die Abende im Hotelzimmer bei einem Gläschen ausklingen lassen konnten.

Überwachsener Fluss Ribeira de Santa Luzia in Funchal

Da wir für den heutigen Tag in Funchal genug gesehen hatten, es aber gerade mal 16 Uhr und somit für das Abendessen noch viel zu früh war, entschieden wir uns für eine Rückfahrt nach dem Motto "Take the long way home". Statt in einer knappen Dreiviertelstunde über Autobahnen und Schnellstraßen durch Tunnels zu "rasen", wählten wir den direkten Weg über die Berge. Zunächst ging es auf erstaunlich steilen Straßen ohne große Serpentinen hoch nach Monte, dann weiter nach Poiso. In Poiso befand man sich schon auf etwa 1.400m Höhe und es war mit knapp 10° deutlich kühler als in Funchal. An einigen Hängen quollen die Wolken bis auf die Straße hoch - ein ungewohnter Anblick. In der Nähe von Poiso entdeckten wir auch ein sehr schönes Restaurant auf einem großen Anwesen und nahmen uns vor, bei Gelegenheit einmal dort essen zu gehen (leider wurde daraus dann irgendwie doch nichts). Von Poiso aus ging es dann wieder langsam abwärts Richtung Ribeiro Frio, einem kleinen Ort, der hauptsächlich für seine Forellenzucht und als Ausgangspunkt einiger Levadawanderungen bekannt ist. Schließlich erreichten wir über São Roque in Faial die Nordküste und waren nach kurzer Zeit wieder in Santana. Unter dem Strich dauerte diese Tour mitten über die Insel ohne längere Stopps gut und gerne zwei Stunden. Dafür ermöglichte sie zahlreiche Einblicke in die vielfältige Landschaft im Inselinneren.

Aufsteigende Wolken bei Poiso

Da wir mehr oder weniger passend zum Abendessen wieder im Hotel waren, entschlossen wir uns, auch in diesem Abend wieder das Hotelrestaurant aufzusuchen. Während es über das Essen nichts zu meckern gab, ging uns die schon am Vortag zu Genüge gedudelte Panflöten-Musik doch zunehmend auf die Nerven. Dabei tat sich ein Stück, dessen Titel ich bis heute nicht herausfinden konnte, besonders hervor. Leider setzte sich die Melodie irgendwie im Kopf fest, so dass ich mich immer mal wieder dabei ertappte, wie ich diese leise vor mich hin pfiff. Das ärgerte Silke, wenn sie dies hörte, so dass ich es manchmal auch mit Absicht tat... Silke forderte dann auch bereits an diesem Abend trotz des an sich guten Essens, dass wir unsere weiteren Besuche im Hotelrestaurant angesichts des Gedudels auf ein Minimum beschränken sollten. Inwieweit ihr Wunsch in Erfüllung ging... davon später mehr.

Zurück im Hotelzimmer, öffnete ich die Flasche Madeira-Wein. Silke mochte, nachdem sie daran gerochen hatte, schon gar nicht mehr probieren. Na gut, dann hatte ich eben die ganze Flasche für mich... Ich wusste ja, was mich erwartete und befand den Wein für durchaus genießbar - auch wenn er nicht mein Lieblingswein werden würde.

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