schoenborner.de - Reisebericht Madeira 2005

Zum Caldeirao Verde
(oder: Die Mutter aller Wanderungen)

Unser letzter Urlaubstag war angebrochen... und wieder ergab der kritische Blick in Richtung Berge, dass dort kein ideales Wanderwetter herrschte. Da wir die Wanderung aber unbedingt machen wollten und es dort oben zwar grau, aber nicht völlig verhangen war, starteten wir das Unternehmen 'Die Mutter aller Wanderungen'.

Verrostetes Hinweisschild zum Caldeirao Verde

Warum diese Bezeichnung? Nun, zum einen hatte ich diese Wanderung bereits vor zehn Jahren unternommen. Sie war unvergesslich schön. Ich habe bis heute diesen Anblick vor Augen, der sich mir bot, als ich aus einem längeren Tunnel herauskam und sich mir eine sonnendurchflutete, atemberaubend schöne Schlucht darbot. Das sind Anblicke, bei denen einem die Tränen in die Augen steigen. Und das wollte ich gerne noch einmal sehen.

Zum anderen bietet diese Wanderung all das, was man gemeinhin von einer Levadawanderung erwartet. Sie führt in einen der entlegensten Winkel der Insel, bietet hinreißende Ausblicke, Tunnel und ein wenig Nervenkitzel. Und der 'Grüne Kessel' (= Caldeirão Verde), den man am Ende zu sehen bekommt, ist auch nicht zu verachten.

Bei John und Pat ist sie unter der No. 22 zu finden. Sie wird dort zwar als 'mittelschwer' bezeichnet, gleichwohl aber nur 'erfahrenen und trittsicheren Wanderern' empfohlen, da auf Grund der 'sehr steilen Abhänge ... auf dem ganzen Weg Schwindelgefahr besteht'. Es solle aber Schutz durch 'stabile Holzgeländer' geben. Soviel zur Theorie.

Frauchen hatte nach Lektüre des Wanderführers schon ein wenig die Hosen voll. Ich bemühte meine Erinnerung und kam zu dem Ergebnis, dass das alles so dramatisch nicht gewesen war. Also machten wir uns auf den Weg zum Ausgangspunkt der Wanderung, dem Queimadas-Park oberhalb von Santana, quasi gleich um die Ecke

Queimadas ist ein nettes kleines Plätzchen am Ende einer eigens hierfür gebauten schmalen Straße in etwa 900m Höhe. Hier finden sich grüne Wiesen, ein Ententeich, Grillplätze, diverse Hütten und ein Haus. Der Weg neben der alten Levada do Caldeirão Verde ist zunächst breit wie ein Waldweg. Streckenweise ist der Weg ziemlich lehmig, was ihn schon bei geringer Feuchtigkeit in eine glitschige Rutschbahn verwandelt. Zwar war der Himmel hier oben verhangen, feucht war es jedoch nicht. So konnten wir dieses Teilstück ohne große Probleme passieren.

Der Weg wurde nun nach und nach immer schmaler. Nach etwa 20 Minuten wartete die erste 'Herausforderung' auf uns: an einer abgerutschten Stelle müssen wir kletternderweise nach unten ausweichen. Ein bisschen Gekraxel war es schon, aber im Gegensatz zu anderen Wanderungen am Beginn des Urlaubs bereitete uns dies hier kaum noch besondere Mühe.

An der Levada do Caldeirao Verde

Inzwischen hatte sich der Weg zum üblichen schmalen Pfad neben der Levada gewandelt. An einer Stelle stürzte ein Mini-Wasserfall genau über den Weg, unter dem man jedoch einigermaßen trockenen Fußes herhuschen konnte. Gelegentlich musste man auf die Mauer ausweichen, aber der Abhang war meist noch nicht besonders steil und/oder ausreichend bewachsen, so dass keine besonderen Anforderungen an die Schwindelfreiheit gestellt wurden. Auch kamen uns mindestens zwei Familien mit kleinen Kindern entgegen - sooo gefährlich wie im Reiseführer beschrieben konnte die Angelegenheit also auch nicht sein.

Nach einer Dreiviertelstunde passierten wir einen weiteren kleinen Wasserfall...

An der Levada do Caldeirao Verde

... vor dem eine Brücke die bequeme Passage einer Schlucht ermöglichte. Wie auf dem Foto recht gut zu erkennen, gab es auch an dieser Levada die bei John und Pat erwähnten Holzgeländer nicht - statt dessen war die fast schon übliche Lösung mit den gespannten Drähten anzutreffen.

Weitere 20 Minuten später trafen wir auf den Abzweig nach Ilha und standen gleichzeitig vor dem Eingang des ersten Tunnels:

Tunnel an der Levada do Caldeirao Verde

Dieses Exemplar war zwar nicht besonders lang, aber doch einigermaßen dunkel und niedrig, so dass wir unsere (leider einzige) Taschenlampe hervorkramten. Für diese (und insbesondere die weiteren, längeren und niedrigeren Tunnel) wählten wir zum Ausgleich für die fehlende zweite Lampe folgende Vorgehensweise, die sich jedoch nur für Menschen empfiehlt, die sich einigermaßen nahestehen ;-) : Silke ging mit der Lampe vorneweg, ich unmittelbar hinter ihr, wobei ich mich mit einer Hand an ihrem Hosenbund festhielt. So blieben wir stets eng genug zusammen, dass ich vom Lichtstrahl der Taschenlampe noch ausreichend mitbekam und mir nicht den Kopf stieß oder in knietiefen Pfützen versank. Allerdings stellte sich bei ihr sofort eine Art Fluchtreflex ein, wenn ich sie losließ: irgendwie wollte sie offenbar möglichst schnell aus dem Tunnel hinaus.

Kurz hinter dem ersten Tunnel folgte auch schon der zweite, doch die wahre Herausforderung stellte der dritte dar: er war besonders lang und niedrig und hatte in der Mitte einen Knick, der dazu führte, dass man das andere Ende nicht sah. Immerhin war auf der Levadamauer ein Geländer, an dem man sich ein bisschen entlanghangeln konnte. In der Mitte des Tunnels befand sich eine seitliche Öffnung, an der man sich kurz gerademachen und Kräfte für die zweite Hälfte sammeln konnte. Ein paar Minuten später war glücklicherweise das Ende erreicht.

Schließlich kam noch ein vierter Tunnel, der jedoch problemlos in zwei Minuten passiert war. Der Weg neben der Levada wurde spätestens nach dem letzten Tunnel streckenweise ein wenig abenteuerlich: schmal, direkt am steil abfallenden Hang und durch einen mehr oder weniger intakten Zaun nur unzureichend geschützt. Gleichzeitig war auf der Strecke ein enormer Verkehr: ständig musste man vor potenziell etwas kitzligeren Passagen den Gegenverkehr abwarten, um nicht an der engsten Stelle aneinander vorbeilaufen zu müssen. Und wer hier alles herumlief: neben den schon erwähnten Familien mit kleineren Kindern trafen wir hauptsächlich auf größere französischsprachige Gruppen, aber auch auf kleinere Trupps jeden Alters mit Bekleidung von durchaus unterschiedlicher Eignung für einen derartigen Ausflug. Der Gipfel hierbei war der schon an anderer Stelle erwähnte Herr mit Sandälchen und Socken - beides natürlich spätestens nach den Tunnelpassagen in desolatem Zustand.

Nach gut zwei Stunden erreichten wir unser Ziel: den Caldeirão Verde. Glücklicherweise wird man durch ein Schild auf den 'Grünen Kessel' aufmerksam gemacht, sonst läuft man womöglich vorbei. Ursprünglich hatten wir - wie bei John und Pat empfohlen - vor, noch etwa 10 Minuten weiter bis zum Lieblingsrastplatz der beiden zu laufen, da eine Rast im dunklen, feuchtkalten Kessel - zumal bei fehlendem Sonnenschein - nicht so sehr reizvoll sein sollte. Im Hinblick auf den anstrengenden Rückweg entschieden wir uns jedoch, die Rast hier abzuhalten.

Wir hockten uns also auf die Felsen und nahmen unser übliches kleines Zwischenmahl ein. Irgendwie war ich vom Caldeirão Verde etwas enttäuscht, ich hatte ihn beeindruckender in Erinnerung. Wären die Schilder nicht gewesen, ich hätte geglaubt, an der falschen Stelle zu sein. Glücklicherweise wurden wir von einem anderen Pärchen jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass wir links noch einen kleinen Pfad emporkraxeln müssten, um tatsächlich in den Kessel mit seinem 300m hohen Wasserfall zu gelangen. Das taten wir, und da war er: ein beeindruckend grüner Kessel mit einem Wasserfall, der einen kleinen smaragdgrünen See speiste:

Am Caldeirao Verde

Weitere Bilder vom Caldeirão kann der geneigte Leser der nachfolgenden Fotogalerie entnehmen:

Boooah, ist das hoch!

Nach einer ausgiebigen Pause traten wir den Rückweg an. Und wieder ging es über abenteuerlich schmale Wege mit defekten Schutzgeländern, angesichts derer man sich durchaus schon einmal bei dem Gedanken ertappte, was denn wohl wäre, wenn man jetzt ausrutschen würde und haltsuchend... Gebückt tapsten wir dicht an dicht durch die niedrigen, feuchten Tunnel, schritten befreit aus, wenn der Weg neben der Levada wieder breit und sicher war, genossen die unberührte Landschaft, blickten aus luftiger Höhe auf die Küste und das Meer, kraxelten noch einmal wie kleine Jungs ein paar Meter nach unten, um einen abgebrochenen Wegabschnitt zu umgehen...

... und dann war es zu Ende. Die letzte Wanderung war gemacht, und der letzte reine Urlaubstag war auch so gut wie vorbei. Wir empfanden die Wanderung rückblickend keinesfalls als so gefährlich, wie sie im Reiseführer geschildert wurde. Mit Schwindel hatten wir eigentlich gar nicht zu kämpfen und die Gefahr, durch einen Fehltritt abzustürzen, gab es auf anderen, als weniger anspruchsvoll eingestuften Wanderungen auch. Gleichwohl fanden wir es etwas unverantwortlich, sie mit einer Horde Kleinkinder anzutreten. Mit vernünftigem Schuhwerk und einer gesunden Selbsteinschätzung ist diese Wanderung aber auf jeden Fall machbar.

Leider gibt es - wie bei anderen Wanderungen zuvor auch schon - so gut wie keine Fotos, die den Nervenkitzel der etwas 'haarigeren' Passagen eingefangen haben. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass man in diesem Moment lieber beide Hände frei haben möchte und die Kamera im Rucksack verstaut ist. Und man packt nun selbige auch nicht alle 50m wieder aus, um dann noch schnell ein Foto zu machen... schließlich dauert eine Wanderung auch so schon lange genug - zur reinen Gehzeit kommen meistens noch einmal 50% für Pausen, Fotostopps usw. hinzu.

Ansonsten musste ich bedauernd feststellen, dass sich das Hochgefühl beim Anblick bestimmter Abschnitte der Wanderung, das ich vor 10 Jahren noch empfunden hatte, diesmal nicht wieder eingestellt hatte. Vielleicht war dies der etwas trüben Witterung zuzuschreiben, vielleicht lassen sich einige Dinge aber auch einfach nicht wiederholen...

Die kurze Distanz zum Hotel war schnell zurückgelegt, und so waren wir für unsere Verhältnisse bereits ungewöhnlich früh wieder dort. Wir entspannten uns auf dem Balkon, warfen schon einmal das eine oder andere nicht mehr benötigte Teil in den Koffer und machten uns für das letzte Abendessen frisch, das wir dann noch einmal im Hotelrestaurant einnahmen.

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