schoenborner.de - Reisebericht Irland 2008

Ein verlorener Tag
Rund um Clifden

Kylemore Abbey

Aus meinem Notizbuch:

Es gibt so viel zu schreiben, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Es ist 17:40 Uhr, ich sitze vor dem Mal Dua House (unserer Unterkunft in Clifden) in der Sonne und habe noch Zeit bis mindestens 19 Uhr. Unser Auto ging um 12:15 Uhr kaputt - wir haben es gerade noch auf den Parkplatz von Kylemore Abbey geschafft. Der Hausherr hat uns gerade mit den Worten “It’s good for you!” zwei Guinness gebracht - trotz Protest! - und jetzt muss selbst Silke den irischen Nationaltrunk “genießen”.

Doch der Reihe nach...

Zunächst einmal zur Unterkunft: Ich hatte schon zuhause alle Unterkünfte gegoogelt und war dabei auf extrem widersprüchliche Angaben zum Mal Dua House bei tripadvisor.com gestoßen. Die einen lobten den Laden in den Himmel, während die anderen von muffigen Zimmern, launischen Toiletten und unfreundlicher Behandlung schrieben. Einer hatte - allerdings bereits 2006 - ein paar Fotos gepostet, auf denen Vorhänge mit “abgefressenen” Fransen und Polstermöbel mit abgestoßenen Ecken zu sehen waren. Daraufhin hatte ich den Reiseveranstalter angemailt und gebeten, sich nach den aktuellen Zuständen zu erkundigen und und ggf. eine alternative Unterkunft zu buchen. Daraufhin hatte man uns angerufen und erklärt, dass man schon viele Jahre mit dem Haus zusammenarbeite und es noch nie nennenswerte Beschwerden gegeben hätte. Nun ja...

Daraufhin hatte ich die Unterkunft schon im Vorfeld als “Niete” abgestempelt. Glücklicherweise würde das Schicksal ja erst in der zweiten Urlaubshälfte zuschlagen... Und jetzt war es also soweit.

Was soll ich sagen?

Auf den ersten Blick macht das Haus einen ordentlichen Eindruck: schöne Auffahrt, hübsche Gartenanlagen. Auf dem Schild an der Straße wird - genau wie auf der Webseite - immer noch auf das Restaurant hingewiesen, das jedoch schon 2006 aufgegeben wurde. Vom Parkplatz hinter dem Haus aus sieht das Ganze jedoch auch in bisschen angeschmuddelt aus.

Der erste Eindruck vom Zimmer war - wie schon erwähnt - ganz okay, Da stank nichts und die Vorhänge waren auch nicht von Motten oder sonstwas zerfressen. Wie der Ort Clifden an sich auch ist hier vieles aber einfach... schon ein bisschen “angejährt”. Besonders das Bad hat auf den zweiten Blick seine beste Zeit schon hinter sich: der Klodeckel ist wackelig, die Fugen in der Dusche / Badewanne sind gelb, der Duschkopf funktioniert nur noch im “Hartstrahl-Modus” und der Abfluss im Waschbecken ist komplett blankgescheuert. Außerdem riecht es zuweilen - vor allem in der Nacht - übel aus den Abflüssen. Die Einrichtung ist ansonsten eher “american style”, während auf den Fluren und den Aufenthaltsräumen durchaus lokale Antiquitäten zu finden sind. Der Lampenschirm einer Nachttischlampe war angekokelt.

Das Frühstück ist hier nicht wirklich der Brüller. Auf dem Büffet finden sich Cerealien aus der Tüte, ein Obstsalat mit geringem Anteil von Frischobst (erst Banane, dann Melone), dunkles Brot, O-Saft (Tüte), Wasser, Milch, Kaffee, Joghurt. Auf der Karte (“Menu”) stand im Wesentichen irisches Frühstück; ein Bagel mit Frischkäse, Räucherlachs und roten Zwiebeln und als “Special of the Day” Waffeln mit Bananen. Die Waffeln sind okay, aber der Bagel... ist eben ein (wenngleich leckerer) Bagel mit einer Scheibe Räucherlachs, Frischkäse und ein paar roten Zwiebelringen. Punkt. Satt werden konnte man davon nicht wirklich, auch nicht zusammen mit der kleinen Portion Müsli, die ich davor hatte. Nun ja, nach einer Scheibe vom dunklen Brot mit Butter und Salz ein paar Scheiben Toast mit Marmelade geht es dann aber.

Nach dem Frühstück vertiefen wir uns erst einmal in den Reiseführer und legen folgende Route für den Tag fest:

  • Fahrt durch das Lough Inagh Valley (auf der R334)
  • Besuch des Nationalparks (bei Letterfrack); evtl. Wanderung
  • Fahrt an der Küste nordwestlich von Clifden (schöne Küste / Strände mit weißem Sand)
  • Endstation (auch für den Abend): Roundstone

Nachdem wir ein wenig im Vorgarten herumgesessen haben, brechen wir gegen halb 12 auf. Unsere Fahrt führt uns zunächst auf der N59 ein Stück zurück in Richtung Galway. Schon dort gibt es an einigen kleinen Seen jede Menge Anlässe für Fotostopps. Auf der R334 fühlen wir uns dann fast wie in Kanada: Berge, die sich in den Seen spiegeln (natürlich zusammen mit Himmel und Wolken) und eine sehr ursprüngliche Landschaft.

See bei Clifden

Das einzige, was nicht ins “kanadische Bild” passt, sind die allgegenwärtigen Schafe. Viel zu schnell war das Idyll jedoch schon wieder zu Ende und wir stießen wieder auf die N59 die zunächst nach Westen schwenkt und schließlich wieder nach  Clifden führt (merkwürdige Straßenführung, schaut es euch halt auf der Karte an).

Rund um Clifden

Beim nächsten Fotostopp fällt mir auf, dass das Auto plötzlich “Geräusche macht”. Erst denke ich, diese kämen vom Radio, doch das lässt sich schnell ausschließen. Ich habe das Getriebe in Verdacht, doch dann fällt mir auf, das sich die Geräusche beim Drehen am Lenkrad verstärken.

Um 12:15 Uhr steuern wir den Parkplatz von Kylemore Abbey an - eigentlich in der Absicht, diese womöglich zu besichtigen. Doch beim Abstellen des Wagens wird es zur Gewissheit: Wir haben ein Problem. Es stinkt verbrannt. Es qualmt ein wenig aus dem Motorraum. Die Geräusche werden stärker. Wir ziehen eine Flüssigkeitsspur hinter uns her. Unter dem Wagen tropft es.

Eine Weiterfahrt erscheint irgendwie nicht ratsam.

Handyempfang? Stark schwankend bis gar nicht vorhanden. Egal, jetzt muss erst einmal die Zentrale des Autovermieters Dan Dooley angerufen werden. Bei der Übergabe des Wagens hatte man mir eingeschärft, nur in Notfällen den Automobilclub anzurufen. Was ist heute für ein Tag? Oh je, Sonntag... Eine Bandansage informiert mich darüber, dass im Moment alle Plätze besetzt seien und man eine kurze Nachricht hinterlassen möge, man riefe dann zurück (immerhin ist es das, was ich verstanden habe). Vor Schreck lege ich erst einmal wieder auf, weil ich gar nicht weiß, wie ich meine deutsche Handynummer hier angeben muss. Beim zweiten Anruf bin ich vorbereitet und hinterlasse meine - hoffentlich verständliche - Nachricht.

Seitdem warten wir auf einen Rückruf. Der nicht kommt. Liegt es am schlechten Empfang? Manchmal wird im Handydisplay “Nur Notrufe” angezeigt.... Oder möchte man keine teure deutsche Handynummer anrufen? Sobald ich Empfang habe, rufe ich immer wieder die Autovermietung an, doch es kommt immer die gleiche Ansage.

Eine Weile später stellen wir fest, dass wir keinen Eintritt (immerhin 12 EUR) zahlen müssen, um ins Restaurant zu dürfen. Im Vorraum entdecke ich ein anrufbares (!) Münztelefon und rufe die Autovermietung von dort an. Ich spreche die Rufnummer aufs Band und dann warte ich in Hörweite des Münztelefons weiter.

Irgendwann entlädt sich vom bis dahin strahlend blauen Himmel ein ziemlicher Platzregen. Das hat zur Folge, dass alle Leute, die sich bis dahin draußen aufhielten, in das Restaurant strömen, und so wäre an ein ruhiges Telefonat nicht zu denken gewesen. Aber es ruft niemand an. Als der Regen schließlich aufgehört hat und die Massen wieder abgezogen sind, habe ich die Schnauze voll: Wir hängen jetzt seit dreieinhalb Stunden auf diesem dämlichen Parkplatz herum! Ich rufe den Automobilclub AA an.

Von jetzt an geht alles ganz schnell: Keine 10 Minuten später ruft ein Typ an und erklärt, er sei in 25 Minuten bei uns. Von der Bürde, das Münztelefon “bewachen” zu müssen befreit, stärken wir uns im Restaurant mit Kaffee und Cookies, bevor wir am Auto die Ankunft des Mechanikers abwarten. Silke beginnt schon einmal umsichtig, unsere Sachen im Auto zusammenzupacken - man richtet sich da nach einer Weile ja schon recht “häuslich” ein.

Der Mechaniker kommt pünktlich, verortet den Schaden nach dem Ausschlussprinzip an der Servolenkung und äußert die Ansicht, wir könnten eigentlich ruhig noch nach Clifden zurückfahren, lediglich das Lenken könnte ohne Servounterstützung im Stand schwerer sein. Als ich ihm jedoch schildere, wie schnell der Fehler auftrat, rückt er von seinem Vorschlag ab. Er lädt uns stattdessen kurzerhand mit Sack und Pack in seinen C-Klasse-Benz und fährt mit uns in den nächsten Ort, Letterfrack. Während der Fahrt erzählt er uns von seinen Verwandten in Bacharach (bei Koblenz), die er im Herbst zur besten Weinfestzeit wieder besuchen wird (gibt es eigentlich auch Iren ohne Verwandte oder Bekannte in Deutschland...?) ;-)

In Letterfrack übergibt er uns einem Verwandten, der uns mit seinem Taxi zum Pauschalpreis von 25 EUR nach Clifden fährt, wo wir gegen 17 Uhr ankommen. Wie vom Mechaniker empfohlen, rufe ich vom Zimmer aus erneut die Autovermietung an - diesmal jedoch die Flughafenstation in Shannon. Ein freundlicher Mensch nimmt alle Fakten auf und verspricht rasche Abhilfe. Nach 15 Minuten erfolgt ein Rückruf: Wir bekommen gegen 19 Uhr einen neuen Wagen - einen Fiat Punto - aus Galway.

Um uns die Wartezeit auf das Auto möglichst angenehm zu vertreiben, schnappen wir uns Bücher, Notizbuch und Kugelschreiber und wollen das herrliche Wetter im Garten vor dem Hotel genießen. An der Rezeption passt uns Cheffe ab, der von unserem Malheur weiß, da der Rückruf der Autovermietung erst bei der Rezeption landete... Nach etwas Smalltalk lassen wir uns in den bequemen Stühlen direkt am Eingang nieder. Dann kommt Cheffe mit zwei Guinness-Dosen und ich schreibe die bisherigen Erlebnisse des Tages nieder... (s.o.).

Zeitsprung:  Gegen 19 Uhr wird uns der Ersatzwagen gebracht - ein rotmetallicfarbener Fiat Punto mit Schaltgetriebe, Zulassung von diesem Jahr (also 2008). Der Mann, der ihn hergefahren hat - eine zweite Person mit einem weiteren Wagen für die Rückfahrt war wohl nicht verfügbar - will mit dem Bus nach Galway zurückkehren. Die Chefin teilt ihm auf Befragen mit, dass er den letzten Bus vielleicht noch erwischen könnte, wenn er sich rasch an die Straße stelle. Kaum, dass er gegangen ist, sagt sie zu uns, dass sie fast sicher sei, dass der Bus schon durch sei. Der Mann steht noch eine ganze Weile in Sichtweite an der Straße herum, geht dann aber links hinunter (also in Richtung Galway) weg. Die Chefin versucht noch, ihm die Visitenkarte des örtlichen Taxiunternehmens hinterherzubringen, erwischt ihn aber nicht mehr - entweder hat er sich ein Auto angehalten oder er ist schon außer Sichtweite...

OK, wir haben also wieder ein Auto - worauf warten wir noch?!?

Das neue Auto

Wir machen uns abendfein, “beziehen” das neue Gefährt und versuchen, wenigstens noch den letzten ursprünglich geplanten Punkt auf der To-Do-Liste für heute abzuarbeiten - den Abstecher nach Roundtree. Auf geht’s... an die Handschaltung muss ich mich erst gewöhnen - man schaltet mit links und die Gänge liegen wie beim Linkslenker.

Als wir nach dem einen oder anderen Fotostopp - wir haben ja schließlich etwas nachzuholen! - in Roundtree ankommen, ist natürlich schon beste Abendessenszeit. EIgentlich wollen wir ja hier essen - aber entweder ist es zu voll oder es ist uns zu teuer. Vor lauter Schreck machen wir nicht ein einziges Foto vom eigentlich ganz netten Örtchen und beschließen, die Küste entlang nach Clifden zurückzufahren und dort unser Glück zu versuchen.

Aus fototechnischer Sicht war das schon einmal eine gute Entscheidung, wie die nachfolgenden stimmungsvollen Bilder beweisen (mehr davon wie immer im Fotoalbum):

Küstenlandschaft zwischen Clifden und Roundtree

Küstenlandschaft zwischen Clifden und Roundtree

In Clfden kehren wir in einem Café/Bistro ein, wo Silke sich “Connemara Chicken” ordert, während ich mich an einem “Duo Platter” (mit Shrimps gefüllte Röllchen vom “Connemara eichengeräucherten Lachs” labe. Und so klingt ein ereignisreicher Tag aus...

Fotoalbum Tag 10

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